Krypto-Adoption: Wo stehen wir? – Blockchaincenter
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Krypto-Adoption: Wo stehen wir? – Blockchaincenter

Der Artikel ist zuerst erscheinen in der Juli Ausgabe des BTC Echo Magazin

Welchen Nutzen haben Bitcoin & Co tatsächlich für Otto Normalverbraucher?

“When Mainstream?”

Der Vergleich der Entwicklung von Kryptowährungen und Blockchain Anwendungen zu den Anfängen des Internets ist so alt wie Bitcoin selbst.
Allzu gerne werden Krypto-Kritiker darauf hingewiesen, dass das Internet mit Google, eBay & Co auch erst 10+ Jahre nach der Entwicklung des World Wide Webs und 30 Jahre nach Erfindung des ARPANETs (Internet Vorläufer) den Mainstream erreichten. Netflix, Youtube & TikTok benötigten sogar 20 Jahre und noch länger und erforderten signifikante technologische Fortschritte (Bandbreite, mobile Geräte) um diese Anwendungsfälle überhaupt zu ermöglichen.

Aber stimmt diese Analogie noch? Wie lange können wir noch darauf verweisen? Wo stehen wir aktuell? Wann kommt der Durchbruch für Kryptowährungen? Wann für Bitcoin? Und wie?

Hunderte Millionen Nutzer spekulieren

Über 100 Millionen spekulierfreudige Kryptoinvestoren haben laut Unternehmensangaben ein Konto bei Coinbase. Binance meldet sogar 140 Millionen Nutzer. Ein großer Teil davon dürfte in den Hoch-Zeiten der letzten beiden Hype-Zyklen in 2017 und 2021 dazugekommen sein. Auch wenn wahrscheinlich nur ein Teil dieser Nutzer auch tatsächlich für einen signifikanten Betrag Kryptowährungen gekauft haben ist klar, das Bitcoin & Co. zumindest beim Thema Geldanlage beziehungsweise Spekulation den Mainstream erreicht haben.

Coinbase User. Binance hat laut eigenen Angaben sogar > 140 Mio

Doch das Spekulieren auf Meme-Token und Schneeballsysteme ist sicher nicht was Satoshi im Sinn hatte, als er einen Trust-Layer für das Internet erfand, eine Möglichkeit Vertrauen zwischen zwei Parteien ohne einen Mittelsmann herzustellen.

Was ist also der echte Nutzen?

Bitcoin

Beinahe jeder spürt es: Irgendetwas läuft schief in unserem aktuellen Finanzsystem. Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer. Stetige Inflation zehrt das Ersparte auf und führt zu übermäßigem Konsum von Produkten, deren Qualität gefühlt stetig abnimmt. Beide Elternteile müssen arbeiten, um über die Runden zu kommen, und Immobilien in Ballungsgebieten sind meist nur für jene erschwinglich, die geerbt haben oder auf andere Weise zu Geld gekommen sind.

Für uns Bitcoiner ist klar: Ursache hierfür ist das ungesunde Geld, dessen Menge zentralplanwirtschaftlich festgelegt wird. Fiat-Währungen wie der Euro oder der Dollar ist die Wurzel allen Übels.

Wenn das nur alle verstehen würden, so die Theorie, hätte Bitcoin aufgrund seiner überlegenen Eigenschaften als solides Geld leichtes Spiel: Die Menschen würden ihre Arbeits- und Lebenszeit nicht mehr für ein Geld hergeben, das andere einfach drucken können, sie würden Waren und Dienstleistungen nur noch für Bitcoin anbieten. Ein Bitcoin-Standard wäre die Folge.

Leider zeigen die letzten Jahre, dass diese Zusammenhänge nicht jedem sofort einleuchten und viele keine Lust auf “Orangepilling” oder “Bitcoin Rabbit Holes” haben.

Bitcoin ist nicht einfach zu verstehen und die Medien helfen auch nicht gerade dabei, den Status Quo in Frage zu stellen. Sie konzentrieren sich lieber auf vermeintliche Skandalthemen wie den Energieaufwand oder den Nutzen im Dark Web

Fairerweise muss man sagen, dass es durchaus Kritiker eines Bitcoin-Standards gibt. Dennoch: Fast jeder, der sich ernsthaft mit unserem Geldsystem auseinandersetzt, muss zumindest anerkennen, dass Bitcoin eine mögliche Lösung sein könnte. Daher ist davon auszugehen, dass die Anzahl der Bitcoin-Anhänger mit der Zeit weiter steigen wird. Sogar Präsidenten souveräner Staaten, wie zum Beispiel in El Salvador, sind bereits “georangepilled”, und die Einführung von Bitcoin als offizielles Zahlungssystem war sicherlich ein Meilenstein in der Adoption von Bitcoin.

Aber nicht zuletzt die mangelnde Begeisterung der Bürger von El Salvador zeigt, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind, den Mainstream zu erreichen.

Kryptowährungen als Bezahlsystem

“Früher hatten wir Expedia, Microsoft, Dell, Overstock. Virgin Airways und viele mehr, heute bleiben uns Eisverkäufer, Dönerbuden und Provinzhotels.”

Es gab eine Zeit (2016-2017) in der quasi jede Woche ein neues großes Unternehmen ankündigte Bitcoin als Zahlungsmittel auf ihrer Plattform zu akzeptieren. Was einst im Darknet begann schien nun auf die Realwirtschaft herüberzuschwappen. Die Gründe für diese Unternehmen waren (und sind auch noch heute) einleuchtend: Keine Gebühren an Zahlungsdienstleister, keine Zahlungsausfälle aufgrund von Kreditkartenbetrug, keine Rückbuchungen. Bitcoin ist die Zukunft!

Doch relativ schnell mussten diese Unternehmen feststellen, dass nach den anfänglichen Marketingeffekten kaum jemand mit Bitcoin bezahlte. Erschwerend kam hinzu, dass Transaktionen aufgrund des erstmaligen Erreichens der Kapazitätsgrenze (Blocksize) auf einmal nicht mehr quasi kostenlos waren.

Bitcoin Kopien die mit günstigen Transaktionskosten und hohem Transaktionsdurchsatz warben, witterten ihre Chance – doch auch Dash, Bitcoin Cash und wie sie alle hießen mussten in der Folge eingestehen, dass Kryptowährungen als Bezahlsystem schlichtweg nicht im großen Stil nachgefragt werden! Das ist bis heute der Fall. Fast alle Firmen von damals haben die Bitcoin Zahlungen wieder eingestellt. Übrig blieben Überzeugungstäter wie das Hotel Princess in Plochingen oder Beppo der Eisverkäufer.

Die Gründe liegen auf der Hand: Der Otto Normalverbraucher kauft Bitcoin & Co. als Investment. Er möchte sie nicht wieder ausgeben. Sie könnten schließlich morgen deutlich wertvoller sein.

Abgesehen davon ist jeder Kauf mit Bitcoin ein potentiell zu versteuerndes Ereignis dass es zu protokollieren gilt. Von den technischen Herausforderungen des Lightning Netzwerks und der Selbstverwaltung möchte ich gar nicht anfangen.

Als Bezahlsystem in der realen Welt bleibt Bitcoin und damit auch Lightning, ein Werkzeug für Idealisten.

Ethereum, Smart Contracts und decentralized Finance

Nicht weniger als ein komplett neues Finanzsystem, mit programmierbaren Transaktionen (Smart Contracts) statt gierigen Finanzdienstleistern, offen für jedermann statt mit Ausweisverifizierung ist eine der Visionen von Ethereum. Und tatsächlich: im “DeFi Sommer” 2021 erfuhren dezentrale Börsen, Darlehen und Zinsprodukte einen enormen Zulauf. Allerdings nicht von Otto Normalverbraucher… Dafür waren die Transaktionskosten zu hoch, die technischen Hürden kaum überbrückbar und auch der Nutzen nicht wirklich selbsterklärend.

Heute muss man fast sagen: Glücklicherweise! Ansonsten hätten die Verluste durch Bugs und Hacks in besagten Smart Contracts wohl zu deutlich größerem Schaden geführt. Ganz zu schweigen von den diversen als komplizierte Finanzprodukte getarnten Schneeballsystemen.

Heute ist der “Total Value Locked”, also die Summe an Werten die in Smart Contracts gebunden sind ein Bruchteil des einstigen Wertes

Quelle: Defillama

Nutzer sind weiterhin vor allem Early Adopter und gut finanzierte “Whales”. Nach der ersten Welle an tatsächlichen Innovationen wie Uniswap und Aave sind neu auf den Markt kommende Smart Contracs eher Evolution statt Revolution. Der drölfzigste Uniswap Klon schafft es ebenso wenig die Massen anzulocken wie die neueste Ponzigambling-Yield-Farming Anwendung.

Trotz eines gewissen Wachstums bei Anzahl an Transaktionen und der Möglichkeit zur Skalierung mit Layer 2 Lösungen wie Arbitrum oder Optimism bleibt DeFi aktuell deutlich hinter den Erwartungen zurück was die Mainstream-Adoption angeht. Was fehlt ist eine weitere “Killer-App” wie Uniswap, die so sehr nachgefragt wird, dass Nutzer bereit sind die komplizierten Prozesse im Kryptoumfeld zu lernen.

Stablecoins – Tether, USDC & Co.

Stablecoins, also mit Dollar hinterlegte Token die ihren Wert halten (zumindest zu den Fiat Währungen) sind ein echtes Erfolgsmodell. Sie ermöglichen Spekulanten ein schnelles Wechseln von und zu den volatilen Kryptowährungen und geben Menschen in Ländern mit schwachen eigenen Währungen Zugang zur Weltreserve Währung.

Stablecoins sind ein Erfolgsmodell auch wenn die Marktkapitalisierung gelitten hat

Tether (USDT), der größte Stablecoin berichtete im Quartal 01 2023 einen Gewinn von knapp 1,5 Mrd. Dollar. Mit gerade einmal einer zweistelligen Anzahl an Mitarbeiten und ist iFinex (die Firma hinter Tether) damit wohl eine der erfolgreichsten Firmen weltweit was das Mitarbeiter zu Gewinn Verhältnis angeht.

Ein großer Teil des Erfolgs von Stablecoins ist auf die einfache Handhabung und Integration in Kryptobörsen. Die Transaktionen dauern Sekunden und funktionieren 24 Stunden am Tag.

Natürlich ist ein Grund für den raketenhaften Aufstieg von Stablecoins auch, dass bislang Kapitalmarktkontrollen nur teilweise greifen. Stablecoin Transaktionen in Millionenhöhe sind an der Tagesordnung, und im Normalfall fragt niemand woher das Geld kommt oder wohin es geht. Ausnahme sind bekannte Adressen von Hackern oder sonstigen Schurken gemäß OFAC Sanktionsliste.

Gibt es keine -durchaus wahrscheinliche- Rückschläge in der Adoption seitens der Regulatoren, sollten Stablecoins auch weiterhin ein Erfolgsmodell der Kryptobranche sein.

NFTs

Die Geschichte der Krypto-Branche ist gezeichnet durch “Boom und Bust” Zyklen. Ob das Bitcoin Spekulationsblasen sind, die ICO Mania aus 2017, DeFi-Sommer oder eben der NFT-Hype. Phasen voller absurder Bewertungen und Gewinnen, gefolgt von Ernüchterung. Während einige der berühmten “Bored Apes” NFTs noch für Millionen über den Tisch gingen bekommt man heutzutage ein “digitales Affenbildchen” für unter hundertausend Euro.

Etwas war aber neu bei NFTs: Das erste Mal schien es so, als ob auch besagter, eigentlich Krypto-Fremder, Otto Normalverbrauchen interessiert sei.

Sorare spülte sportbegeisterte Fantasy-Basketball Spieler herein, Kunstsammler stellten NFTs in Ausstellungen aus, Celebrities kauften NFTs, Massenmedien berichteten. Eine Zeitlang sah es so aus, dass NFTs der Kryptobranche zum Durchbruch verhelfen könnten. Mit Platzen der Blase und fallenden Preisen ist nun aber wiederum Ernüchterung angesagt. Ein NFT als Profilbild in den Social Media Accounts ist fast schon wieder peinlich…

Doch NFTs sind eigentlich viel mehr als Bildchen. Aber auch Musik NFTs, Gaming Items, mit realen Gütern verknüpfte Echtheitszertifikate oder Metaverse Eigentum sind aktuell wieder weit davon entfernt irgendeine prominente Rolle im Leben des Normalo-Bürgers zu spielen.

Andere Use-Cases

Wer erinnert sich noch an Blockchains in Supply Chains? Zahlungen im Internet der Dinge? dezentrale Datenspeicher Netzwerke? Tokenisierung von Aktien, Gebäuden und eigentlich allem? Keins dieser Narrative ist bislang erfolgreich, quasi alle “Proof-of-Concept” Projekte blieben besagten Beweis schuldig. Viele Blockchain-Kritiker (unter anderem aus der Bitcoin-Ecke) vermuteten schon lange, dass “die Blockchain-Technologie”, eine Lösung auf der Suche nach einem Problem sei. Der aktuelle Stand, zumindest außerhalb der Finanzbereiches, gibt ihnen Recht.

“Und dann wären da noch DAOs (dezentrale autonome Organisationen. In der Theorie ein spannendes Konzept und gerade in Verbindung mit AI mit fast schon gruseligem Potential, aber bislang bleibt es eben dies: Potential”

Zwar werden viele Projekte vor allem im Ethereum Umfeld bereits von solchen Interessensgemeinschaften geleitet, allerdings sind das eher Teildezentrale Definitivnichtautonome Organisationen. Und natürlich keine Spur Massenadoption

Fazit

Meines Erachtens ist der Vergleich mit den Anfängen der Internets noch nicht überstrapaziert. 12 Jahre nachdem ich das erste mal gechattet habe, war Amazon nur ein leicht verbesserter Bücherladen und meine Bestellhistorie startete sogar noch 4 Jahre später.

Viele dachten zwar noch sie würden nie Schuhe online bestellen, denn die muss man ja schließlich anprobieren, aber generell war eigentlich allen klar, dass das Internet riesig wird. Das sehe ich bei Bitcoin und Krypto außerhalb der Community allerdings noch nicht wirklich.

Jede neue Technologie, die die Welt verändern soll, muss es schaffen nach den “Early Adoptern” auch die Allgemeinheit zu überzeugen. Dazu fehlt in der Kryptobranche weiterhin ein Anwendungsfall, der auch Otto Normalverbraucher einleuchtet. Selbst als enthusiastischer Beobachter der Szene, sehe ich den allerdings noch nicht.

Bitcoin hingegen benötigt keine “Killer App” für den Erfolg. Wie alle Währungen in der Geschichte der Menschheit werden auch Euro und Dollar irgendwann sterben. Ob Bitcoin dann jedoch bereit ist um den Menschen eine ernstzunehmende Alternative zu bieten, ist allerdings längst nicht so vorbestimmt wie wir das gern hätten…

Eine Diskussion zu dem Thema haben wir auch im aktuellen KONSENS & NONSENS Podcast geführt.